Er konnte sich nicht erinnern, …
Mein bescheidener Beitrag zu Donnas SchreibWerkstatt:
Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal… Nein, wirklich nicht, sein Gedächtnis ließ ihn jämmerlich im Stich.
Wie ein Tiger im Käfig, durchkreuzt er sein kleines Appartement von der Balkontür zum Flur und wieder zurück. Ein nackter Tiger in CK-Unterhose, das hat die Welt noch nicht gesehen. Ein heftiger Tritt gegen den Palmenkübel lässt diesen über das Parkett nah ans Fenster rutschen. So kannte er sich gar nicht. Selbst das Rascheln der Palmblätter, das durch seine Wanderungen entstand, nervt ihn. „Autsch!!!“ – Der Schmerz in den Zehen zieht durch die Wade direkt ins Gehirn. Er weiß gerade nicht, was ihn mehr nervt: Er sich selbst oder die Tatsache, dass er sich einfach nicht erinnern kann.
Himmel noch eins, so alt, dass ihm selbst solche Begebenheiten aus der Erinnerung entschwinden, ist er doch noch gar nicht. Im Gegenteil. Mitte dreißig, gut aussehend, erfolgreich in Karriere und Privatleben – und dieser Erfolg rührt sicher nicht aus seiner Vergesslichkeit. Er ist doch sonst das wandelnde Notizbuch. Kein Geburtstag, den er vergessen würde, keine Jahrestage. Selbst die Termine der Müllabholung hat er für ein halbes Jahr im Voraus im Kopf. Nicht, dass er der einzige Bewohner des kleinen Mehrparteienhauses wäre – aber sonst denkt niemand freiwillig dran. Und seit im letzten Sommer die Maden und Ratten die Müllcontainer bevölkerten, kümmerte er sich lieber selbst.
Wie vom Blitz gerührt bleibt er plötzlich stehen, setzt sich auf seine strahlend weiße DesignerCouch und greift zu den Zigaretten. „Rauchen schadet der Gesundheit!“ steht im trauerumrahmten Mahnfeld auf der Zigarettenpackung. Das wird’s sein. Er hat sich seine Gehirnwindungen schon dermaßen mit Teer und Nikotin zugekleistert, dass er … Quatsch! Außerdem trinkt er zum Ausgleich Rotwein. Das ist wiederum gut für die Durchblutung und so einzigartig, wie dieser Fabelhaft Duoro schmeckt, ist er auf dem besten Wege alles für eine gute Durchblutung zu tun. Vor seinem geistigen Auge blitzen Erinnerungsfetzen des Abends auf. Er sieht den festlich gedeckten, kleinen Couchtisch, mit einem Meer von Teelichten. Zwei halbvolle Rotweingläser leuchten im Kerzenschein und ähneln einem dramatischen Sonnenaufgang an der See, morgens um Fünf.
„Tiger?! Komm wieder ins Bett! Was ist denn los mit dir?“
„Nichts ist los! Es ist alles in Ordnung. Ich muss nur nachdenken. Bin gleich da!“
Genervt drückt er seine Kippe im zum Aschenbecher umfunktionierten Blumenuntersatz aus. Es macht keinen Sinn. Beinahe gierig leert er das Glas Rotwein und macht sich gedankenverloren auf ins Bett. Vorsichtig legt er sich an den Körper, der dort auf ihn wartet. Hände suchen sich – Hände finden sich und ein leidenschaftlicher Kuss begrüßt ihn zurück in der Kuschelhöhle. „Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist Tiger?“ hörte er die müde Stimme neben ihm flüstern! „Alles in Ordnung. Lass uns schlafen, in drei Stunden klingelt der Wecker!“
PrringPrringPrring – PrringPrringPringg – niemand konnte glauben, dass aus diesem kleinen, unscheinbaren Funkwecker derartig malträtierende Geräusche kommen konnten. PrringPrringPrring. Mit einem saftigen Handkantenschlag macht er dem nervtötenden Radau ein Ende, dreht sich erwartungsvoll um und sieht eine verlassene Betthälfte neben sich. Noch bevor er sich den Schlaf richtig aus den Augen reiben konnte, hört er die ihm so vertraute Stimme:
„Guten Morgen Tiger! Los aufstehen – der Espresso wartet und deine Kunden sicher auch, wenn du jetzt nicht in die Gänge kommst. Aber nun erzähl bitte, was mit dir los war letzte Nacht. Und jetzt sag nicht wieder nichts – du hast zu wenig geschlafen, die Palme stand eben noch fast auf dem Balkon und deine blauen Zehen sprechen eine eigene Sprache.“
Lächelnd nippt er an seinem Espresso. Seine blauen Zehen waren ihm noch gar nicht aufgefallen, was wohl daran liegt, dass er barfuß unterwegs ist. Und der besorgte Blick, der ihm entgegenschlägt, rührt ihn fast zu Tränen.
Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal das Gefühl hatte, so geliebt zu werden. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal solche Gefühle für einen Mann hatte. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so glücklich war. Nein, wirklich nicht, sein Gedächtnis ließ ihn jämmerlich im Stich. Vielleicht, weil es gar nichts zu erinnern gibt. Wahrscheinlich, weil seine Liebe zu Peter das Beste ist, was ihm passieren konnte.
EDIT:
Juchuhhh – es gibt schon einen ersten Satz für August – und ich bin sicher auch wieder dabei!
Missmutig räumte sie die Geschirrspülmaschine aus. Ob aus diesem verkorksten Wochenende noch etwas herauszuholen war…
Mehr dazu demnächst bei Donna!

Keine Panik auf der Titanic!
- Nicht traurig sein
*tätschel*
Erstmal nen Tee?
Die Smiles2Go sind nicht unsichtbar
Sie sind nur auf ihre eigene Seite gezogen.
Also einfach oben den Reiter Smiles2Go anklicken... und weiter lächeln.
Glückwunsch!!! Eine gelungene Geschichte, bei der mir am Ende fast die Tränen kamen. Tolle Idee – toll umgesetzt!
Danke, dass du an dem Schreibprojekt teilgenommen hast – Vielleicht machst du im nächsten Monat wieder mit?
Liebe Grüße ins Wochenende hinein und alles Gute für dich!
Herzliche Grüße – Donna
So bescheiden ist das gar nicht, mir gefällt die Geschichte ausgesprochen gut!
Noch eine tolle Geschichte (ich habe gerade schon bei Chinomso gelesen). Du hast es richtig spannend gemacht und das Ende ist eine kleine Überraschung, rührend schön.
So trifft man sich also – beim Geschichtenlesen via Donna!
Spannend auch deine und ungewöhnlich im Abgang
Lieben Gruss von Bloghaus zu Bloghaus,
Brigitte
Da sieht man mal wieder…unsere Gedanken traben wie alte Pferde auf gewohnten Pfaden, immer der gleiche Trott und dann….pling–schmunzel…es ist garkeine Frau, die er liebt.
Danke für diesen Gedankenanstoß. Sehr schöne Geschichte.
unglaublich zartfühlende schilderung einer beginnenden liebe?
der beschriebene tiger hat eine weibliche seele, kommt mir vor….
deine schreibe finde ich bemerkenswert, gefällt mir sehr…
Ganz schön schön, und die überraschende Wende am Ende ist der Hit.
Viele Grüße,
Wolfgang
so schön..
es geht an Herz.