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Verkorkstes Wochenende

Missmutig räumte sie die Geschirrspülmaschine aus. Ob aus diesem verkorksten Wochenende noch etwas herauszuholen war? Wieder blieb an ihr alles hängen. Wieder machte sich die Liebste ein paar schöne Tage, getarnt als „Studientage“ mit anderen hübschen Studentinnen in Belgien und wieder blieb sie mit dem ChaosHaushalt und dem Viehzeug allein.

Frustriert machte sich Maja auf in die Stadt um ihr Bankkonto zu erleichtern, das schöne Wetter zu genießen und sich wieder und wieder die gleichen Fragen zu fragen. Warum liebt sie diese Frau immer noch? Warum geht sie nicht einfach fort? Warum dreht sie den Spieß nicht einfach mal um und überhaupt warum sind die Menschen so furchtbar hektisch? Gab es irgendwas umsonst? Machte wieder einer der traditionellen Familienbetriebe dicht und verhökerte sein Inventar für’n Appel und ‚n Ei – und haben die alle eigentlich kein Zuhause?

Irgendwie drängt sich ständig das Gefühl auf, die Menschheit laufe vor etwas fort. Nur nicht anstecken lassen, lautet dann Majas Devise. Sie hatte weiß Göttin andere Probleme, als sich auch noch diesem Trend anzuschließen. Kurz hinter dem Kaufhof, saß, an die Häuserwand gelehnt ein schätzungsweise vierzigjähriger Mann, schrieb oder malte in eine Kladde und sah sehr vertieft aus. Sein kleiner Mischlingshund lag neben ihm, alle Viere von sich gestreckt, und träumte. Vor diesem Bild der Ruhe stand eine Holzdose und ein kleines kaum lesbares Schild. Man musste wirklich nahe ran gehen, um zu entziffern, was darauf stand.

“Ihre Cents können mir heute helfen.
Möchten Sie helfen?”

Maja hockte sich vor den Mann und sagte, dass er von ihr kein Geld haben kann, weil sie das aus Prinzip nicht mache. Aber wenn er wolle, könnten sie in die Bäckerei auf der anderen Seite gehen, einen Kaffee trinken und frühstücken. Irgendwie sah er sie an, als hätte Maja sie nicht mehr alle. Er wirkte vollkommen verschreckt und brachte nur ein “sehr gerne” über die Lippen. Der Mann, Werner, packte seine Holzschachtel und das Schild in den Rucksack, schnappte sich die Leine mit einem vollkommen verschlafenen Hund am anderen Ende und sie gingen über den Münsterplatz zur Bäckerei.

“Hmm, was mache ich mit Charly solange?”, brummelte Werner.

“Mitnehmen? Und wenn er nicht mit hineindarf, dann binden wir ihn so an, dass wir ihn von drinnen sehen können.”, stammelte Maja, wohl von sich, der Einladung und ihrer eigenen Courage mächtig überrascht.

Charly durfte mit rein. Kein Wunder. Diese Mischung aus schätzungsweise Terrier, Flauschschaf und Pudel sah einfach zum Verlieben aus. Ein lebendiges Kuschelknäuel auf vier zu kurz geratenen Beinen. Der Milchkaffee und die beiden kleinen Frühstückchen wurden Maja und Werner an den Tisch gebracht. Auch Charly bekam sein Wasser und beobachtete seinen Menschen nebst Begleitung, wie diese begannen, wortlos zu essen und zu trinken. Maja starrte aus dem Fenster auf den Münsterplatz und ließ die Hektik an sich vorüberziehen. “Warum machst du das?”, waren nach einigen Minuten die Worte, die sie aus ihren Gedanken rissen. “Ich liebe es Menschen zu beobachten.”, entgegnete sie. “Nein, das meine ich nicht. Warum lädst du mich zum Frühstück ein? Warum schmeißt du nicht wie die anderen zwanzig Cents in meine Schachtel und gehst weiter? Wieso bist du in die Hocke gegangen um mich anzusprechen?” “Hmmm… also erstens mag ich niemandem der bettelt Geld geben. In der Regel wird diese Kohle nicht sinnvoll umgesetzt, sondern in Alkohol und dafür sind mir meine wenigen Cents zu schade. Wenn ich deinen Zettel lesen wollte, musste ich näher herankommen und wenn ich dich zu dem noch ansprechen wollte, musste ich auf Augenhöhe gehen. Das macht für mich ein Gespräch aus, dass man sich in die Augen schauen kann. Alles andere wäre doch von “oben herab” gewesen. Wieso hockt ihr auf der Erde, schaut immer nach unten und schaut die Menschen nicht an?” “Weil wir nicht provozieren wollen? Weil wir niemandem zu nahe treten wollen, uns aufdrängen wollen. So ist es zumindest bei mir. Mir ist es sehr peinlich um Geld betteln zu müssen, darum schaue ich nach unten. Ich weiß, wie unachtsam oder sogar böse ich früher an Pennern vorbei gegangen bin. Für mich waren Penner immer Schmarotzer, die sich ihr Leben leicht machen, in dem sie anderen Menschen auf der Tasche liegen. Heute sehe ich das anders, mit anderen Augen, mit meinen Augen.”

Wieder schwiegen die beiden in die Kaffeetassen.. Maja spielte mit Charly unter dem Tisch, der einen Heidenspaß an den Verschlüssen ihrer Tasche hatte. “Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du mich eingeladen hast?”

“Wie gesagt, zu erst hat mich interessiert, was auf deinem Schild steht. Und ich war neugierig, was du mit deiner Kladde machst. Mein Bild eines Bettlers ist bislang geprägt von Bierdosen oder Kornflaschen im Arm und nicht einem Heft und einem Stift auf dem Schoß. Was schreibst du?”

“Ich schreibe nicht, ich zeichne. Ich zeichne den Tag aus meiner Perspektive: Beine, Hosen, Schuhe, Tauben, Hunde, Kippen, Müll, Stiefel, Kinderwagenräder, Buggies und so weiter. Früher war das ein Hobby. Heute kann ich mir immer ein paar Cent damit verdienen, so ich mich denn davon trennen kann.”

Maja runzelte ein wenig die Stirn. Sie konnte sich wirklich nicht vorstellen, dass jemand ein Bild mit einer zerknautschen Burger-Schachtel, vielleicht mit RestHamburger kauft, oder Wert legt auf skizzierte Sneakers.

“Am liebsten nehmen mir die Leute die Bilder von ihren Hunden ab. Oder wenn mir ein schönes Taubenbild gelungen ist. Manche mögen auch einfach nur, wie ich die Weite des Münsterplatzes zeichne. Ich kann nicht davon leben, möchte ich auch nicht, aber ich kann mir täglich eine Dusche leisten und hin und wieder eine PizzaEcke. Auf alle Fälle reicht es immer für Charlys Steuern und sein Fressen. Das ist für mich das absolut Wichtigste.”

“Darf ich fragen, wieso du lebst wie du lebst? Wieso bist du obdachlos?”

“Sicher darfst du. Ich hab das Leben zu leicht genommen. Mir ist alles in den Schoß gefallen. Tolles Elternhaus, immer genug Geld auf dem Konto, super Abschlüsse, starkes Studium, eine wunderbare Frau und noch wunderbarere Kinder. Alles was ich anpackte gelang mir – irgendwie war ich immer sorglos und so lebte ich auch. Vor zwei Jahren zündete jemand unser Haus an. Ich versuchte meine Familie zu retten, sie hatten aber zu große Angst und wollten nicht aus dem zweiten Stock springen. Ich sprang vor, um ihnen Mut zu machen und ihnen das Gefühl zu vermitteln ich würde sie auffangen. Als ich unten ankam und mir beinahe jeden Knochen gebrochen hatte, brach über mir das Hausdach ein und begrub meine Frau Jenny, meine Tochter Jasmin und meinen Sohn Jonathan unter sich. Sie hatten keine Chance mehr, wurden erschlagen oder verbrannten bei lebendigem Leib. Ich kam in die Klinik aber nie wieder auf die Beine. Die Brüche sind verheilt, aber alles andere ging den Bach runter. Wir waren gnadenlos unterversichert, ich verlor meinen Job, weil ich auch nach dem Krankenhausaufenthalt nicht mehr in die Kanzlei ging. Ich konnte nicht so tun, als sei alles wieder gut, nur weil meine Oberschenkel wieder zusammengewachsen waren. So gab Eins das Andere. Vor zwei Monaten lief mir Charly zu. Seitdem ist er sowas wie meine Familie. Das wars.”

Maja schwieg. Ihr gingen seine Worte durch den Kopf, und sie verbot ihrem Kopf erfolglos, die dazugehörenden Bilder zu malen.

“Du, sei mir nicht böse,” unterbrach er wieder Majas Gedankengänge, “ich möchte sicher nicht undankbar erscheinen, aber ich muss noch ein wenig auf den Münsterplatz. Vielen Dank für das Frühstück, für dein Interesse an meiner Geschichte und für diese wunderbaren zwei Stunden hier. Es waren nicht deine Cents, sondern deine Zeit, die mir heute geholfen hat.”

Maja und Werner standen auf, er nahm die Fremde ganz vorsichtig in den Arm, sagte nochmal leise Danke und etwas lauter: “Komm Charly, du sollst doch auch noch was Gutes in den Bauch bekommen heute.” und verschwand.

Die junge Frau setzte sich wieder hin. Wie lange Maja noch dort gesessen habe wusste sie nicht. Irgendwann zahlte sie die beiden Frühstück und die Milchkaffee und machte sich auch auf den Weg. Draußen schien es jetzt noch hektischer und sie wollte einfach nur noch weg. Raus aus der Stadt, weg von den Menschen. Auf dem Weg zur Bushaltestelle sah sie Werner und Charly wieder. Sie hatten in der Wenzelgasse Platz genommen, Werner zeichnete und Charly kaute auf einem alten Ast herum. Vor Werner stand ein älterer Herr im Trenchcoat, seinen Hut tief ins Gesicht gezogen. Er zeigte auf das Bild, welches Werner gerade zeichnete und fragte was es kosten solle. Werner sah nicht auf zu dem Mann. Er hielt ihm die geöffnete Kladde mit dem Bild, einem Gesicht mit stark gezeichneten Augen, etwas höher und sagte: “Das Bild? Entschuldigung, aber dieses Bild ist nicht zu verkaufen. Tut mir leider mein Herr. Aber dies sind die ersten ehrlichen Augen, in die ich seit Jahren gesehen habe. Ich verkaufe sie nicht.” Der Mann im Trenchcoat murmelte etwas von: “Na wenn sie sich dieses Geschäft entgehen lassen können. Dann eben nicht!” und verschwand. Werner lächelte und zeichnete weiter an dem Bild.

Mit langsamen Schritten ging Maja an Werner und Charly vorbei. Ungelenk warf sie zehn Euro in die kleine Holzschachtel vor Werner, sagte einfach nur “Danke” und ging zum Bus.

Wieder zu Hause angekommen, schaltete Maja die Geschirrspülmaschine aus, gedankenversunken räumte sie die Maschine aus und ihr fielen noch hunderte Fragen ein, die sie hätte Werner fragen wollen. Kein Gedanke mehr an das verkorkste Wochenende. Kein Brass mehr auf die Liebste in Belgien. Je leerer die Spülmaschine wurde, desto sicherer war sie sich, dass sie Werner all diese Fragen irgendwann fragen würde – vielleicht beim nächsten Frühstück, an einem anderen verkorksten Wochenende.

Für Donnas SchreibProjekt August 2009

Und das  Thema für September steht auch schon. *freu*

Die einzige Möglichkeit, Klarheit in diese Angelegenheit zu bringen, sah ich darin, einen Brief zu schreiben…

7 Responses to “Verkorkstes Wochenende”

  • Ruthie says:

    Sehr cool, sehr traurig und: könnte wahr sein…

    WE-Grüße von Ruthie

  • april says:

    Was für eine wunderbare Geschichte. Ich war richtig mit dabei, nicht nur weil du anschaulich erzählt hast, sondern auch, weil ich das so gut nachvollziehen kann.

  • Follygirl says:

    Deine Geschichte hat mich sehr berührt.
    Ich war auf so etwas irgendwie nicht gefaßt, und sie hat mich ganz in ihren Bann geschlagen.
    Schwerer Stoff, der mich nachdenklich zurückläßt, sehr gut geschrieben. DANKE!
    LG, Petra

  • Donna says:

    Das ist eine Geschichte, die fesselt und tief unter die Haut geht.
    Und nachdenklich hat sie mich gemacht…
    Ein herzliches Dankeschön dafür an dich, liebe Bigi!
    Und: Schön, dass du wieder zu Hause bist!

    LG – Donna

  • katerchen says:

    toll erzählt ,mitten aus dem LEBEN..
    einen lieben Gruß vom katerchen

  • Sunny says:

    Liebe Bigi,

    erstmal danke für deinen lieben Kommentar. Woher wusstest du das … mit der Hollywoodschaukel und Rotwein??? :mrgreen:

    Deine Geschichte ist toll geschrieben, und über das Schicksal von Werner zu erfahren, macht Gänsehaut. Leider passieren diese Dinge wirklich. Nur, dass sich jemand die Zeit nimmt, sich das Schicksal dieser Menschen anzuhören, eher weniger. Schnell eine Münze in den Becher geworfen und an das eigene gemütliche Heim denken …

    Danke für die Geschichte und liebe Grüße
    von Sunny :)

  • Jule says:

    Liebe Bigi,
    DANKESCHÖN für diese Geschichte. Ich habe mich vor jahren auch einmal in die Hocke begeben und mich mit einem Dichtenden Landstreicher unterhaltem, ihm etwas zu Essen gekauft, ihm einen “Gedichtband” abgekauft und zuhause Rotz und Wasser geheult ob der ungerechtigkeit der Welt. Gerade eben fiel es mir wieder ein, traten Tränen in meine Augen und Dankbarkeit für mein eigenes, (trotz “kleinerer” Probleme)doch eigentlich schönes und glückliches Leben in mein Herz.
    Ich hoffe es geht Dir heute gut!
    Liebe Grüße,
    Jule

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