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Mal ERNSThaft

auch auf die Gefahr hin, dass ich mich bei der einen oder anderen Leserin jetzt komplett in die Nesseln setze und mir die HERRlichkeiten die SchweineGrippe an den Hals wünschen.

† Doch zu allererst möchte ich natürlich der Familie und den Angehörigen von Robert Enke mein Mitgefühl aussprechen. Ich wünsche ihnen alle Kraft der Welt – diesen abstrusen und perversen Trubel, der seit heute über sie hineinbricht überstehen zu können – ich wünsche ihnen Zeit und Raum für Trauer und Verarbeitung.

Und wer weiter wissen will, wie das heute bei mir ankommt – unverplüscht – der möge weiterlesen.

Gestern Abend nahm sich der Torwart von Hannover 96, Robert Enke, 32 Jahre, das Leben. Er hinterlässt eine Frau und eine AdoptivTochter. Robert Enke war laut AbschiedsBrief und SensationsPresseKonferenz depressiv. Sein SelbstMord war von langer Hand geplant – er “warf” sich bei Hannover vor einen Zug!

Ich habe irgendwann in den letzten Wochen das erste Mal von Robert Enke gehört. Uns BundesTrainer hat ihn nicht auf der Liste der NationalKeeper.  Wirklich bekannt ist er sicher FußballFreunden und Fans des Clubs Hannover 96, für die er im Tor stand. Ergo war er sowas wie eine teilöffentliche Figur  – weil einerseits war er schon bekannt und sicher beliebt – andererseits war er aber auch nur denen bekannt, die sich in irgendeiner Weise mit Fußball beschäftigen.

Robert Enke lehnte aus wiederlegbaren Gründen eine stationäre Behandlung ab. Er fürchtete um seinen Ruf, seine Karriere und das Sorgerecht der 8monatigen AdoptivTochter und befürchtete damit seiner Familie in eine Öffentlichkeit zu stellen, in der er sie nach dem Tod der 1. Tochter vor einigen Jahren nicht mehr sehen wollte.

Robert Enke “wirft” sich vor einen Zug – beraubt damit einen Zugführer – nämlich  seine Karriere und Zukunft, stürzt damit mindestens diese eine Familie eines ihm komplett Unbekannten ins Unglück – und vielleicht auch noch eine Reihe mehr Menschen – die diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf und ihren Erinnerungen bekommen.

Er setzt seine Frau und seine AdoptivTochter einem MedienRummel aus, der meines Erachtens an Perversität und Geschmacklosigkeit nicht mehr zu überbieten ist. Seine Frau wird vor Mikrofone gezerrt – scheinheilige Fußballbosse geben sich bestürzt und die schreibende und mediale Zunft springt auf, auf den Zug. Was bitte geht es die Weltöffentlichkeit an – JETZT an, was Enke wohl gedacht und gefühlt “haben möge” – Ja, “haben möge” – denn wenn man gewusst hätte, wie er wirklich dachte und fühlte, dann hätte er wohl  vielleicht mehr Hilfe bekommen. Die Signale, dass er sich ob seiner Krankheit keine Sorgen um seine Karriere, seine Familie machen braucht, die sind jedenfalls nicht bei ihm angekommen.

Ein paar Zahlen aus dem “normalen” nichtöffentlichen Leben:

Selbstmordgedanken treten bei einer schweren Depression häufig auf. Etwa 40 bis 80 Prozent der Patienten leiden während einer depressiven Episode unter Selbstmordgedanken und -phantasien. Bei 20 bis 60 Prozent aller depressiven Patienten finden sich Selbstmordversuche in der Vorgeschichte. Und 10 bis 15 Prozent setzen dann tatsächlich ihrem Leben ein Ende.

10-15% aller Erkrankten nehmen sich ihr Leben und NIEMAND außer den Angehörigen nimmt Notiz davon und von der Hölle, durch die sie gehen. Ist das nicht schon schlimm genug? Muss dann die Familie auch noch derartig vermarktet werden? Programmänderungen, Speziale, Sondersendungen für Robert Enke – Kerner öffnet das Buch “Das Who-is-Who” des FußballSports, das Erste zeigt den GedenkGottesdienst, die Nachrichten setzen SchweineGrippe, den Tod von Quelle, Arbeitslosigkeit und FinanzKrise als Fußnoten ein.

Wenn das ganze Theater ja wenigstens noch zur Folge hätte, dass Menschen mit Depressionen endlich einmal in der Gesellschaft ernst genommen würden – dass die Krankheit Depression endlich mal als solche betrachtet würde. Aber das wird es nicht. In den nächsten Tagen wird man sich bei der BouleLüg und Co. gegenseitig die InsiderInfos klauen, von einander abschreiben, Halbwahrheiten und wilde Spekulationen veröffentlichen. Ich sehe die SchlagZeilen der Bild schon vor mir – und ich könnte kotzen.

Ich wünsche Frau Enke von ganzem Herzen, dass es irgendeinen Menschen in ihrem direkten Umfeld gibt, der sie da jetzt rausholt – sie und ihre Tochter aus all dem wieder rauszieht – damit diese Frau verarbeiten und trauern kann.

13 Responses to “Mal ERNSThaft”

  • Doro says:

    Was ich mich gefragt habe, ist Frau Enke wirklich vor die Presse “gezerrt” worden? Oder wollte sie sprechen? Ist sie überhaupt momentan in der Lage zu entscheiden das zu tun oder besser zu lassen?
    Keiner weiß was in einem Menschen vorgeht, der so einen endgültigen Schritt tut.
    Es war ja wohl keine Kurzschlusshandlung sondern schon geplant.
    Was ich allerdings auch gedacht habe, keiner spricht von dem Menschen der den Zug gefahren hat, der den Rest seines Lebens mit dem Gedanken leben muß, einen Menschen totgefahren zu haben.
    Sondersendungen hier, Sonersendungen da, auch ich wußte bisher nicht, wer Robert ENke war, bin absolut fussballunwissend. Dafür wird viel Trouble darum gemacht.

  • Kerstin says:

    Nach all dem Spaß heut doch noch ein ernstes Thema. Ich kenne den Herrn nicht. Saß heut nachmittag beim Friseur (musste mich hübsch machen, sind morgen bei unserem Sohnemann zur Vereidigung) und hab die Nachrichten gehört. Ich schalte dann 20.00 Uhr erst die Flimmerkiste an. Wie Du schon schreibst, es wird das Thema Nr. 1 sein. Du sprichst mir/uns aus der Seele – so schlimm für seine Familie. Unvorstellbar, was seine Frau jetzt durchmachen muss und ich frag mich immer in solchen Situationen, ob er nicht lieber hätte bleiben und sich behandeln lassen können. Aber alles Gerede darüber sind nur Spekulationen und Mutmaßungen, keiner konnte ihm helfen. Jetzt gibt jeder nur seinen Senf dazu und will im Blickpunkt stehen. Bleibt nur zu hoffen, dass von all dem Gerede und Getue und Mitgefühl aus dem Umfeld auch wirklich Hilfe bei seiner Frau ankommt – wahre Hilfe!
    So – und jetzt ist Schluss für heut. Du musst doch auch noch Koffer packen, Miezen versorgen, dem Wolfgang eine gute Nacht wünschen, nochmals die Stunden zählen, den Wecker stellen, …

  • Kerstin says:

    Siehst Du, jetzt hab ich bei all der Klimperei die Zeit vergessen. Nachrichten kommen ja schon!

  • bigi says:

    @Doro – genau, wie ich schrub – das Leben des ZugLenkers, den keiner kennt, liegt in Schutt und Asche. Schlimm genug, dass Familien und Angehörige “zurückgelassen” werden, ihnen weh getan wird und die damit klar kommen müssen – Aber wieso müssen auch Unbeteiligte, einem völlig Fremde in “sowas reingezogen werden” ???
    @Kerstin – Jepp, mein Senf steht hier – aber ich wäre sonst glaub ich geplatzt so sauer macht mich das gerade alles.
    Die Nacht ist noch lang ;-) da kann ich meinen Rucki noch achtmal ein- und auspacken, die Kater ins Koma kraulen und Wolf muss bis halb Zehn sicher noch arbeiten *malnenkussschick*

  • Maren says:

    Nö, ich wünsch Dir nicht die Schweinegrippe an den Hals oder sonstwo hin ;-)
    Mehr noch: Ich stimme Dir weitestgehend zu.

    Mein Beileid gilt der Familie von Enke
    und mein Mitleid dem Lokführer.

    Ach ja, und nebenbei frag ich mich, was (oder wer) Frau Enke dazu bewegt hat, gleich heute per PK an die Öffentlichkeit zu gehen. Bzw. weshalb da keiner war, der sie davon abgehalten hat, es in diesem Schockzustand zu tun.

  • Chinomso says:

    Ich finde den öffentlichen Rummel einfach unerträglich.

  • april says:

    Bei mir setzt du dich nicht in die Nesseln. Ich finde das alles ganz furchtbar, vor allem für Frau Enke und die unschuldig Beteiligten, die das auch ihr Leben lang mit sich rumtragen. Mehr will ich jetzt gar nicht schreiben … Ich habe auch bis jetzt noch keine Nachrichten im SensationsFernsehen geguckt.

  • Paleica says:

    ich bin ganz deiner meinung. wieso sollte dir jemand die schweinegrippe wünschen deswegen?????

  • piri says:

    Gestern ist auch noch eine gute Bekannte von mir gestorben, ich mag nicht — mich nimmt das alles zu sehr mit …

  • Frau Momo says:

    Hoffentlich zerren die den armen Lokführer nicht auch noch durch die Gazetten. Bei Frau Enke hab ich auch erst gedacht, die Ärmste, aber vielleicht war es für sie auch eine kleine Befreiung, nach dem langen Schweigen müssen, endlich mal reden zu können. Ich denke, die Frau steht noch unter Schock.

  • mARIE says:

    Wenn das Unfassbare geschieht, dann schweigen die einen und die anderen müssen reden. Vielleicht hilft ja das Reden mehr als das Schweigen. Nur der Medienrummel – den find ich furchtbar.

    Lokführer dagegen, so jedenfalls bei uns in Frankreich, werden in ihrer Ausbildung vorbereitet auf solche Eventualität und hinterher auch psychologisch begleitet, es ist ja nicht nur Enke, der sich vor einen Zug geworfen hat- das passiert immer wieder mal. Trotzdem tut mir dieser Mensch sehr leid, es ist schwer diese Bilder einzuräumen und damit zu leben.

    Depression ist eine Krankheit, die jeden erreichen kann – es gibt genügend Gründe dafür, von der Biochemie über die Belastungen des Lebens, die Anlagen , der Stress usw… er hätte wohl auf das Geld erstmal verzichten sollen, wie schade um diesen Menschen.

  • bigi says:

    Danke für euer Feedback!
    Hmm Marie, kann man auf sowas wirklich vorbereitet werden?
    Klar gibt es fast überall Kriseninterventionsteams und Seelsorger, die helfen (sollen) mit solchen Ereignissen umzugehen. Aber funktioniert das wirklich? Ich persönlich kenne keinen Fall – im besten Fall konnte “das Opfer” noch im Innendienst eingesetzt werden – und selbst mit besten Therapien vergisst man diese Bilder wohl im Leben nicht mehr.

    Natürlich ist Depression eine Krankheit, die jeden treffen kann – und doch ist sie in der Gesellschaft nur mäßig auch als Krankheit anerkannt. Allerdings bezweifel ich sehr stark, dass der Tod Enkes hier ein größeres Verständnis schafft :cry:

  • NordStarElke says:

    Danke Sysse
    du hast mir aus den Herzen gesprochen.

    Mir tut auch der Lookführer sehr sehr leid.
    er wird dieses Bild niemals loswerden.
    ich spreche aus Erfahrung.

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