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Weihnachten stand vor der Tür

Nach einem wundervollen Abend bei meiner Sonne der GedankenDüne und ihrem GöGa Jürgen, gingen Rudi, Wolfs Nase, mein Kopf und meine Hüfte in die Knie. So mussten wir schweren Herzens unsere für heute geplante WochenendFahrt ins Saarland zum Herminschen absagen – und päppeln uns so gut wie es geht. Über alles Päppeln fast vergessen – Donnas wundervolle SchreibWerkstatt – das Projekt, das für den Dezember heute DeadLine hat.

Liebe Doro, lieber Jürgen

Bilder kommen noch – freut euch nicht zu früh :lol:

So, nun aber mein Beitrag zu Donnas SchreibProjekt Dezember:

Weihnachten stand vor der Tür und wieder einmal hatte es diese endlosen Diskussionen gegeben…

“Feiern wir zusammen – wer, wann, wo mit wem oder lieber gar nicht?” Jedes Jahr das gleiche  Theater. Ja, fast wortwörtlich brachte jeder seine Argumente vor, und spätestens nach dem zweiten Glas Rotwein kommen alle zum Schluss, dass wir  auf  Weihnachten wie immer gar keine Lust haben.

Dabei war dieses Jahr Weihnachten eigentlich ein besonderes Jahr. 10 Menschen, die sich nicht kannten, trafen sich vor zehn Jahren am HeiligAbend in der urigen Kneipe am MarktPlatz, die derweil einem dieser SchickiMickiCoffee-Shops weichen musste. 10 unterschiedliche Charaktere, unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Bildung, die jeder für sich, keine Lust auf Halleluja und Oh-Tannenbaum hatten – die sich aus dem Familienkreis hinauszogen, nach der Bescherung gleich nen Abgang machten oder erst gar nicht auf Familie machten. Als man kurz vorm Morgengrauen des ersten Feiertages die Kneipe verließ, hatte man ne Menge guten Roten intus, viel Spaß gehabt, tolle Menschen kennengelernt und einen wahnsinnigen Plan gefasst. Unten am Fluss stand eine alte Villa. Sie hatte schon viel bessere Tage gesehen und eigentlich gehörte die Abrissbirne hinein. Aber für einen Abriss fehlte der Stadt das Geld und so stand die Villa anklagend am FlussUfer und erzählte jedem, der vorbeikam, ihre Geschichte.

Ich weiß gar nicht mehr, wer von uns die Idee hatte – nach der fünften oder sechsten Flasche Rotwein sagte einer: “Wir kaufen der Stadt das Haus ab – wir sanieren die Villa und gründen ne richtig geile WG!” Teilweise lagen wir unter den rustikalen Biertischen vor Lachen, der Eine oder Andere bekam ein freudiges Glitzern in den Augen und ich, ich fand die Idee schlichtweg genial.

Kurz bevor wir alle zusammen einen halben Tausender plus Tipp im Fritz ließen, ging eine Liste mit Namen, Adressen und Telefonnummern rund – die nette Frau hinter der Theke war so freundlich diese Liste zehn Mal zu kopieren und als wir uns am Flussufer trennten hatte jeder diesen Villa-Traum vor Augen.

Genau eine Woche später, Silvester, trafen wir uns alle wieder. Es war unfassbar – David, der Älteste aus unserem Clübchen und seines Zeichens jüngster AgenturChef der Stadt, wedelte nach dem ersten Gläserklirren mit einer KlarsichtMappe voller Papiere. Nach und nach verstummte unser Lachen und Reden, er erhob sich und verkündete, mit Stolz geschwellter Brust, dass er für den symbolischen Preis von einem Euro die Villa erstanden habe. Sein Vater sei ein ziemliches hohes Tier im StadtRat und dem sei die Villa schon lange ein Dorn im Auge. Sie sei ein Schandfleck für die Stadt und er zeigte sich von unseren RotweinPlänen wohl so begeistert, dass er gleich Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um den Deal noch vor dem neuen Jahr abzuschließen.

“Ihr müsst nur noch unterschreiben!…” Jedes weitere seiner Worte ging im Jubel, im Applaus und im Geschnatter der neun anderen Villenbesitzer unter.

Es bedarf keines weiteren Glases Wein und wir hatten alle unterschrieben – es bedarf ungefähr 15 weiterer Flaschen Rotwein und jeder hatte irgendjemanden, der irgendwas konnte in eine weitere Liste eingetragen. Handwerker, Dachdecker, Statiker, Einrichter, Möbelpacker, Maler – das Who-is-who der Stadt war nachzulesen und vor uns allen lag ein fast perfekter SanierungsPlan. Mit nur 10 Cent waren wir dabei – vom Studi zum Villenbesitzer, vom Beamten zum Hauseigentümer. Das Neue Jahr war angebrochen und wir bummelten gemeinsam zu unserem neuen Heim, nicht ahnend, welche Überraschung dort noch auf uns wartete.

Die Nacht war sternenklar. Der Dunst vieler hunderter, wenn nicht sogar tausender Raketen lag über der Stadt und verzog sich nur langsam. An der Villa angekommen, suchte sich jeder einzelne schon sein Fenster aus – hinter dem er sein Zimmer vermutete. David ging voraus und ehe wir es uns versahen erhielten wir eine Hausbesichtigung. Für manch einen war der Schock ziemlich groß. Wir hatten uns alle vorstellen können, was es heißt eine Villa zu sanieren. Aber der Zustand des äußeren Gemäuers schmeichelte dem ruinenhaften Inneren doch sehr. Doch es wurde niemand abgeschreckt. Vorsichtig gingen wir auf Erkundungstour und am Ende führte uns David in den Garten, ach was rede ich, in den riesigen Park. Was niemand wusste, hinter der Villa, ein paar Meter vom Haus entfernt gab es einen weiteren Bau – eine Art Anbau ohne angebaut zu sein. „Wusstet ihr, dass hier früher ein Lazarett war?“ fragte uns David. Nadine flüsterte: „So kann man es auch nennen.“ Und erzählte uns die Geschichte der Villa und des Hauses, so wie sie sie von ihrer Oma erzählt bekommen hat. Die Herrschaften, die hier einst wohnten, betrieben hier eine Art Heim. Zu Zeiten des letzten Krieges, wurden hier Unmengen behinderter Kinder einfach abgegeben, abgestellt, ausgesetzt. Das Ehepaar, das damals die Villa ihr Heim nannte, investierte alle Zeit und alles Geld um hunderten hungrigen Mäulern eine warme Mahlzeit zu ermöglichen und ihnen einen trockenen, sicheren Platz zum Schlafen zu geben.

„DAS ist es“, sagte ich. „Wir sind zu Zehnt. Wir sind VillenBesitzer und dieses Haus gehört mit dazu. Warum nutzen wir es nicht für was Sinnvolles? Wir könnten einen Verein gründen und eine Begegnungsstätte daraus machen oder auch ein Heim, oder so was.“

„Ein Hospiz“, warf David ein. Und war bislang noch aufgeregtes Geplapper und Gewisper zu hören, verstummten wir alle gleichzeitig bei diesem Wort. „Wisst ihr“, sprach er mit ruhigem Ton aber einer gehörigen Portion Nervosität in der Stimme weiter, „ich bin HIV positiv. Ich hab euch doch von dem Motorradunfall erzählt vor 15 Jahren. Damals im Krankenhaus hab ich eine faule Bluttransfusion bekommen. Zumindest vermutet das jeder heute, weil ich weder schwul noch Drogi bin. Richtig beweisen konnten wir das natürlich nicht. Seit zehn Jahren ungefähr lebe ich mit dem Virus – und auch wenn ich mich noch pudelwohl fühle, so weiß ich doch, dass ich mich auch ganz schnell ganz anders fühlen kann. Ich habe so viele liebe Menschen an Aids sterben sehen, viele von ihnen alleine, vielleicht nur mit einem guten Freund an der Seite, wenn überhaupt. Die Aids-Hilfe hier leistet tolle Arbeit. Aber sie kann auch nicht alles machen und ein Hospiz, das wäre es doch. Wenn ich mir überlege, wie viele Menschen sich Beratung suchen und die Hilfe der Beratungsstelle in Anspruch nehmen, ich könnte mir vorstellen, dass wir bald den Anbau schneller mit Liebe, Hilfe und Leben füllen können, als uns vielleicht lieb ist.“

Als ich meinen Blick von Davids Lippen löste und seine letzten Worte in meinen Ohren und meinem Kopf verhallten, merkte ich erst, dass wir mittlerweile alle in der Eingangshalle im Kreis herumsaßen. Jeder schaute irgendwie „betreten“ aus, aber in allen Augen war auch zugleich Hoffnung und Enthusiasmus zu entdecken. Im dumpfen Licht des alten Kronleuchters, der nur noch mit zwei Birnen ausgestattet war, sah ich in einen Kreis glänzender Augen und hörte mich nur fragen: „Wer ist dafür?“

Nach und nach erhoben sich zehn Arme, die sich schließlich in die Mitte unseres Kreises senkten, die Hände übereinander legten und den Pakt mit unserem WeihnachtsTrinkspruch „Wir alle, für alle“ besiegelten. Ganz langsam kamen wieder Unterhaltungen in Gange, es wurde nach Namen gesucht für den Verein und ebenso schnell, wie der Vorschlag Davids Zustimmung fand, einigten wir uns auf meinen Vorschlag „Villa Regenbogen“.

Ein Jahr später, es weihnachtete schon wieder, war aus dem verfallenen Haus am Fluss eine wunderbare PrachtVilla entstanden. Jeder arbeitete mit, jeder von uns half und jeder von uns hatte weitere viele Helferlein überzeugen können, sich für unsere WG, unseren Verein einzusetzen. Ausgenommen der StarkStromversorgung für die Villa und den Anbau entstand unser Traum in Eigenleistung. Parallel arbeiteten wir mit der Aids-Hilfe an unserem Vereinsgedanken, und dank einer großzügigen Spende der Universitätskliniken hatten wir nicht nur unsere WG-Villa bezugsfähig, sondern auch ein fix und fertig eingerichtetes Hospiz. Zwei Ärzte und fünf examinierte Krankenschwestern boten ihre ehrenamtliche Hilfe an und noch bevor wir einzogen, verfügten wir über ein Spendenkonto, von dem wir nicht zu träumen gewagt hätten.

Von zehn kleinen Appartements, die im Anbau entstanden waren, waren bereits vier ab dem kommenden Jahr belegt. Die Idee der „Villa Regenbogen“ sprach sich so schnell herum, dass wir Anfragen aus ganz Deutschland auf den Schreibtisch bekamen.

Heilig-Abend zogen wir ein – derweil zu fünf Pärchen, die sich tatsächlich aus den 10 weihnachtsmüden Einzelgängern gebildet hatten. Im Januar wurden die ersten Appartements bezogen, im September des Eröffnungsjahres mussten wir die ersten Interessierten auf Wartelisten setzen. Innerhalb der letzten zehn Jahren lernten wir hunderte Infizierte, Kranke, dem Tod Geweihte und ihre Angehörigen kennen. Freundschaften entstanden und unsere Leben wurden zu einer ständigen Gratwanderung zwischen Liebe – Hoffnung und dem Tod.

Weihnachten stand vor der Tür und wieder einmal hatte es diese endlosen Diskussionen gegeben…

“Feiern wir zusammen – wer, wann, wo mit wem oder lieber gar nicht?” Jedes Jahr das gleiche  Theater. Ja, fast wortwörtlich brachte jeder seine Argumente vor, und spätestens nach dem zweiten Glas Rotwein kommen alle zum Schluss, dass wir  auf  Weihnachten wie immer gar keine Lust haben. So werden wir auch dieses Jahr im Park dieses riesige Weihnachtsfeuer entzünden – unsere Bewohner und ihre Lieben darum versammeln, gemeinsam schmausen, erzählen und Roten trinken, auf Gitarren alte Beatles-Songs schrammeln und unser ganz eigenes, anderes, positives Weihnachten feiern.

9 Responses to “Weihnachten stand vor der Tür”

  • Donna says:

    Gänsehaut und schnief ganz doll. Einfach nur schöööööön. Danke für diese tolle Geschichte!

    Dir und deinem Hansehasen ein verplüschtes AdventsPäppelwochenende!

    Drück dich ganz doll – Donna

  • Kerstin says:

    Schön und einfühlsam geschrieben. Hast denn Du dafür momentan überhaupt Zeit?
    Einen schönen 3. Advent wünscht euch Kerstin (Danke für die Post :smile: )
    Ich muss mich selber päppeln, bin auch noch nicht wieder fit, Husten und Nase wollen einfach nicht besser werden. :cry:

  • Chinomso says:

    **tränchenwegwisch**
    Ich wünsch mir einfach, dass die Geschichte wahr wäre.
    Und wenn sie das nicht ist, dann sollte sie eines Tages wahr werden. Die Idee jedenfalls ist es wert.

    Danke, du Liebe.

  • april says:

    Sehr, sehr schön, und das spiegelt auch den Wunsch von so vielen wieder, Weihnachten wieder etwas Sinn abzugewinnen, etwas Mitmenschliches draus zu machen. Einen Moment habe ich geglaubt, die Geschichte ist wahr …

    Schade, dass mit Saarbrücken, einerseits, andererseits tut euch die Ruhe sicher auch gut. – Über den Weihnachtsbrief habe ich mich riesig gefreut, *danke euch beiden*, es schien, als ob der Postbote zögerte, ihn aus der Hand zu geben. “Ist der schön”, sagte er … Tja, es kriegt eben nicht jeder Post von der Leuchtturmwärterin ;-)

  • DORO says:

    EIne wunderbare Geschichte, es wäre wunderbar wenn sie wahr wäre.
    Obwohl wenn sich die richtigen Leuten finden würden und jeder sein Scherflein dazu beitragen könnte, könnte diese Geschichte wirklich wahr werden.
    Und ein Tränchen hat sich auch bei mir den Weg gebahnt.

  • Brigitte says:

    Eine sehr schöne Geschichte. Ich nehme an, es ist keine wahre Geschichte.
    Aber was man sich vorstellen kann, das könnte auch wahr werden … oder?

    Wünsch dir ein schönes Wochenende
    Liebe Grüsse
    Brigitte

  • Jorge D.R. says:

    Eine tolle Geschichte. Eine Geschichte, die unter die Haut geht. Ob sie wohl wahr ist? Jedenfalls freue ich mich, dass ich dich durch Donnas Schreibprojekt jetzt kenne. Werde jetzt öfter mal bei dir reinschauen.
    Noch eine schöne Adventszeit
    Jorge D.R.

  • Mari says:

    kurzer Zwischenruf: Herzlichen Dank für die lieben Weihnachtsworte, ja wie wahr, so Karten zum anfasse sind immer die besten :) )
    Liebe Grüße von Mari

  • Renate says:

    Eine wunderbare “Weihnachtsgeschichte”. Falls sie nicht wahr ist, sollte sie wahr werden.

    Lieber Gruß von Renate

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