Ein richtiges Januargefühl
wollte sich nicht einstellen…
So lautet der von Donna aus ihrer SchreibWerkstatt gefischte EingangsSatz für unsere JanuarGeschichten.
Also, dann will ich mal:
Ein richtiges Januargefühl wollte sich nicht einstellen…
der Dezember gestaltete sich schon sehr schwierig. Nikolaus, Advent, Weihnachten und Silvester bei 30 Grad im Schatten. Nicht, dass ich wirklich was von diesem ganzen EndjahresSchnickSchnack halten würde, aber Weihnachten muss kalt sein. Da sind selbst die 15 Grad in Irland vor zehn Jahren schon zuviel gewesen, auch wenn ich diese Woche niemals missen möchte.
Seit 12 Stunden ist Januar, die Sonne brennt vom Himmel als gäbe es kein Morgen mehr, die Moskitos tanzen im gleißenden Sonnenlicht und auch die kleine ElefantenHerde, die ich in der Ferne entdecke, erhellt mein Gesicht nicht wirklich. Boah, ich werd doch wohl jetzt nicht HeimWeh kriegen. Ich stell mir doch jetzt nicht wirklich vor, dass ich im üsseligen Rheinland, bei SchneeMatsch und Werten unter Null wirklich glücklicher wäre – oder doch? Nein,nein, ich muss einfach damit klar kommen, dass sich der Januar hier anders anfühlt, als in Deutschland – muss ein anderes Januargefühl entwickeln.
Ich kann mich nicht daran erinnern, wann es das letzte Mal geregnet hat. Und auch wenn es hier nachts empfindlich abkühlt, das KalteFüßeFeeling gehört zu den Dingen, die ich nicht vermisse. Es ist schon irre. Seit fast drei Jahren bin ich jetzt in der Masai Mara. Damals hab ich gesagt, wenn es zu Ende geht, dann lös ich ein OneWayTicket. Als mir der Arzt dann nach dem dritten Therapie-Zyklus so gänzlich jede Hoffnung aus dem Kopf laberte, mir anhand von den Werten, die mich nie interessierten und den Bildern zu zeigen versuchte, wie weit dieser Krebs fortgeschritten ist, bin ich einfach nach Hause, habe eine kleine Tasche gepackt, mein Konto bis zum Anschlag geplündert und bin zum nächsten Flughafen. Fast drei Jahre ist das her. Unfassbar. Mir geht es jeden Tag ein besser, ich fühle mich jeden Tag wohler und auch wenn ich immer gesagt habe: „Gegen Kälte kann ich mich mit Klamotten und ner WärmFlasche schützen, gegen Schwitzen machste nixx!“ – die Hitze hat mir nie wirklich viel ausgemacht. Ungeimpft, ohne irgendwelche Vorkehrungen getroffen zu haben, flog ich nach Afrika und habe mich bis hierher durchgebissen.
Und jetzt? Jetzt bin ich die Frau des hübschesten FernsehTechnikers ganz Afrikas, verdiene mein eigenes Geld mit meinem kleinen SouvenirLaden und gesunde Tag für Tag. Der Arzt in Nairobi, den ich nach fast einem Jahr „Ich lebe ja immer noch“ konsultierte dachte, ich wolle einen ganz üblen Scherz mit ihm spielen. Er ließ sich meine Unterlagen aus Deutschland kommen, verglich Tage lang Werte und Bilder und hatte am Ende nur ein unverständliches „Das kann nur ein Wunder sein – Gesicht“ für mich übrig. Meine Werte waren sicher nicht im NormBereich, aber bei Weitem auch nicht so schlecht, wie sie anklagend aus meiner Krankenakte zu lesen waren. Von dem unerklärlichen Verschwinden diverser Tumore mal ganz abgesehen. Mein Spruch „Die deutschen Krankenkassen werden die Masai Mara niemals als TherapieForm anerkennen.“, entlockte ihm seinerzeit nur ein verwirrtes Lächeln. Doch seitdem forscht er ohne Unterlass, auf private Kosten, was da dran sein könnte. Irgendwas müsste es doch geben, dass einen Krebs im angeblichen Endstadium so ausmerzen kann, ohne sich dabei am Leben des Erkrankten gütlich zu tun.
In weiter Ferne höre ich das mutierte DieselSchnurren unseres LKWs und freue mich auf den Nachmittag mit meinem Mann. Seit er den Job in Nairobi angenommen hat und für den Deutschen FernsehSender dort mit Kameramännern und solchen, die es werden wollen unterwegs zu den unterschiedlichsten Flecken Afrikas ist, ist unsere Zweisamzeit ordentlich zusammengeschrumpft. Dank meines Spliens alles aufzunehmen und aufzupäppeln was „tierisch krank“ ist, leide ich nicht unter großen Akten des Vermissens. Aber die kleinen Ausflüge an die hiesigen Seen, die Stunden auf unserer Veranda oder die Kuschelzeiten gehen mir schon ganz schön ab. So ist das Leben – man kann nicht alles haben, und als Deutscher hier in Afrika kann man unendlich stolz darauf sein, solch einen guten Job wie Max zu haben. Das tapsige Krabbeln in meinem Pferdeschwanz reißt mich aus den Gedanken. „Max, lass das, du weißt wie ich es hasse, wenn du mir so durch den Zopf wuschelst!“ Ich hab den Satz gerade so beendet, da höre ich das schnorchelnde Prusten eines Rüssels. „GRISUUU, du sollst mir nicht immer auf den Kopf spucken!“ Ich musste lachen und versuchte doch relativ böse zu gucken. Also nicht, dass das Elefantenkalb wirklich verstehen würde, wenn ich böse gucke, aber um vor mir zu bestehen, musste der Blick einfach sein. Grisu war so gewachsen im letzten Jahr. Mit ihm begann damals meine kleine NebenbeiKarriere als „TierPflegerin“ Max hatte auf einem seiner Drehs beobachten müssen, wie Wilderer Grisus Herde um fast die Hälfte dezimierte, unter anderem auch Grisus Mutter. Wir schätzten den kleinen Bullen damals schon auf ein Jahr oder älter und den Namen verdiente er sich mit seinen TrötVersuchen in unserer Gegenwart. Er hob in den nächsten Monaten den Rüssel und öffnete dabei das Maul ganz weit. Dann prustete er, bewegte dabei seinen Kopf immer nach vorne, als wolle er Feuer spucken. In diesen Momenten erinnerte uns der kleine ElefantenBulle immer an Grisu, den kleinen Drachen, der FeuerwehrMann werden wollte. Heute spuckt Grisu immer noch kein Feuer – oder sollte ich sagen, Gott sei Dank kein Feuer? Angewidert fingerte ich mir den schleimigen RüsselSabber aus dem PferdeSchwanz, als ich hinter mir ein leises Glucksen vernahm. „Auf welcher Seite stehst du eigentlich Max?“ „Auf keiner mein Spatz, aber es ist einfach zu herrlich, euch zwei Dickköpfe zu beobachten!“ „Ich bin kein Dickkopf!“ „Oh doch, mein ergrautes Engelchen, das bist du!“
Ich konnte ihm nicht böse sein, ich wollte ihm nicht böse sein und auch wenn ich versuchte mein bitterbösestes Gesicht aufzulegen, in dem Moment, in dem ich mich Max zuwandt, wich der Blick einem Lächeln. Weiß der Geier, warum ich auf den knappen eineinhalb Tausend Quadratkilometern der Masai Mara ausgerechnet diesem frechen Fernsehfuzzie aus der ehemaligen Heimat in die Arme fallen musste. Aber ich liebe ihn nun mal.
„Hast du Satan schon gefüttert, Spatz?“ „Bin ich lebensmüde? Ich hab nicht ewig gegen diesen verdammten Krebs gekämpft, um mich dann von deinem SchniSchnaSchnappi abmurksen zu lassen! Nee, nee – du hast das Vieh hier angeschleppt und du kümmerst dich auch um sein leibliches Wohl! Philipp hat heute 3 dicke Antilopen von den Massai geschenkt bekommen – bedien dich.“ „Wieso bekommt Philipp Antilopen geschenkt?“ „Weil er dem StammesÄltesten eine Brille spendiert hat – deine alte Brille. Seitdem kann der alte Herr wieder gerade gucken und ist so glücklich darüber, dass er Philipp die Antilopen mitgegeben hat!“ Philipp ist unser kenianisches Mädchen für alles – und gehört derweil zur Familie. Ich möchte ihn im Leben nicht mehr missen – er kennt die Massai, er kennt das Land und hat unschätzbar wertvolle Erfahrungen, die er gerne an uns weitergibt. Von seinen tollen Kontakten ganz zu schweigen, die uns schon in vielen schweren Zeiten unglaublich geholfen haben.
„Ist das nicht schön, Engelchen, hier funktioniert der Klüngel genauso wie zuhause.“ „Ich bin hier zuhause Schatz – das hier ist mein Zuhause!“
Max spürt sofort, dass er mich komplett auf dem falschen Fuß erwischt hat. Erst gestern hatten wir eine ellenlange Diskussion darüber, dass ich mit meinem alten Leben komplett abgeschlossen habe und er das nicht verstehen kann. Zärtlich umarmt er mich von hinten, verschränkt seine Hände vor meinem Bauch und seufzt ein „Es tut mir leid“ in mein Ohr. Ich weiß nicht, wie lange wir so stehen, der weite Blick, die tolle Natur, die vorbeiziehenden Tierherden und die entfernten Laute von Zebras, Hyänen und Affen nehmen mich immer noch so gefangen, dass ich Zeit und Raum komplett vergesse. „Das hier ist mein Zuhause!“
„Okay, Zeit für eine Überraschung!“ „Eine Überraschung? Für wen?“ „Na für dich mein Spatz!“ Max reißt mich erneut aus meinen GedankenGängen, wobei ich gar nicht genau sagen kann, was ich gerade denke. Irgendwie bin ich wie ausgeknippst, wenn ich mir unseren wundervollen, gigantischen, naturbelassenen Vorgarten ansehe. „Komm mit Angebetete!“ Angebetete nennt er mich nur, wenn er etwas ausgeheckt hat. Und als er zur Tiefkühltruhe geht, um ein großes Stück Antilope herauszunehmen, wird mir irgendwie anders. „Ähm, was jetzt? Überraschung für Satan? Spatz an Antilope oder was?“ „Nein Spatz, aber wir müssen an meinem MörderKroko vorbei und dann kann ich ihm ja gleich ein Steak in den Teich werfen!“ Hach, mein Mann war so herrlich praktisch. Den Satz meiner Oma: „Gehe keinen Weg umsonst!“ hat er so was von verinnerlicht. Als wir am großen Teich vorbeikommen, mache ich automatisch einen etwas größeren Bogen. Ich weiß, der Zaun ist bombenstabil und mit Strom zusätzlich abgesichert. Satan liegt den halben Tag im Wasser und wird regelmäßig gefüttert, so dass er überhaupt keine Veranlassung hat, anderweitig zu jagen. Aber ich traue diesem Vieh nicht von Jetzt bis Gleich. Ich habe wirklich richtig Respekt vor dem Krokodil. Mit einem sehr ungelenken Wurf, befördert Max das AntilopenSteak XXL über den Zaun und Satan fällt sofort darüber her. Natürlich muss er das arme tote Tier erst richtig töten und dreht sich in SekundenSchnelle mehrmals um seine eigene Achse. Seitwärtsturborolle im Wasser, das sofort den Eindruck erweckt als würde es kochen, so brodelt es um das Krokodil. Max nimmt mich an die Hand und achtet darauf, mir das Pfötchen zu geben, das nicht die Antilope angefasst hat. Irgendwie glaubt er immer noch, dass mich der nächste Keim einfach töten könnte – es sei denn, es geht um ElefantenSabber. Das findet er eher amüsant.
Irgendwie gehen wir im Kreis – um unsere Lodge herum und irgendwie nehmen wir Kurs auf den LKW. „Okay Schatz, spucks aus – Löwe? Gnubaby? Affenkind? Was hast du diesmal angeschleppt?“ „Nichts von alldem – lass dich einfach überraschen!“ Im Augenwinkel beobachte ich, wie er Zeigefinger und Daumen der Steakhand zum Mund führt und im fast gleichen Moment ertönt ein gigantischer Pfiff. Als der Pfiff in der Weite der Masai Mara verhallt höre ich, wie sich die Ladeluke des LKWs mit einem Rumms öffnet und ein Generator angeworfen wird. Der Lärm ist ohrenbetäubend und passt so gar nicht in meine heile Welt. Was zum Teufel…?
Am Laster angekommen, werde ich gebeten mich auf einen großen aufgeblasenen AutoReifenSchlauch zu setzen und die Augen zu schließen. Mit dem Rücken zum Wagen und verschlossenen Augen lasse ich mich von Max führen, setze mich auf den Reifen und schrecke erstmal wieder hoch! „AUTSCH!“ Bei derweil gefühlten 50 Grad trockener Hitze unter der sengenden Mittagssonne hat sich das schwarze Gummi ganz schön aufgeheizt. Max zieht unter einem „Nicht umdrehen und gucken!!!“ sein Hemd aus, legt es mir auf den Reifen und ich setze mich erneut. Diesmal richtig. Mein Hinterteil passt sich hervorragend in das Rund ein und meine Beine baumeln lustig über das gigantische Schlauchgummi. Jetzt fehlt nur noch eine Wellenbewegung und ich komme mir vor wie auf dem Meer, direkt neben einem gigantischen Tanker. Wenn dieser Kompressor nur nicht wäre.
Plötzlich wird der Sound des Kompressors von Musik übertönt. Ich bin nicht so ganz fit in „Erkennen Sie die Melodie“ aber irgendwie klingt das nach Sleigh Ride. Ein echtes GuteLauneStück, das mir früher irgendwie immer als Ohrwurm im Gehörgang rumkrabbelte, wenn es denn mal Schnee gab. Okay, Reifen, Schlitten, Sleigh Ride, mindestens 40Grad Celsius. Wie süß, mein Mann versucht mir ein Winterfeeling zu vermitteln, mitten in Afrika. Auf so eine Idee kann auch nur er kommen. Ich mache Anstalten mich aus meinem PoGefängnis zu befreien, als ich plötzlich etwas Nasses, Kaltes auf mich nieder rieseln spüre. Hektisch öffne ich meine Augen und versuche mich irgendwie so zu drehen, dass ich den LKW erblicken kann. Auf der LadeFläche steht ein breitgrinsender Philipp, hält in der einen Hand eine VideoKamera und schwenkt mit seiner anderen Hand eine Art Lanze aus der es…
„Es schneit!“
Ich kann es nicht fassen, ich sitze unter einem gigantischen SchneeSchauer und das mitten in Afrika. Ein dicker Regenbogen bildet sich und schillert in all seinen Farben zwischen den künstlichen SchneeKristallen. Ich bin sprachlos!
„Frohes Neues Jahr mein Spatz!“ Mit ganz langem Hals halte ich mein Gesicht unter den Strahl – ich genieße das kühle Nass, das auf mich herabflockt und verdrücke dabei ne Menge Tränen. Ich öffne meine Augen wieder, als sich ein Schatten über mich legt. Max große braune KaninchenAugen schauen mich strahlend an und halb hörend, halb lippenablesend verstehe ich ein erneutes „Happy New Year! Ich dachte, ich hole dir mal ein bisschen Winter nach Hause – nur damit du weißt, wie gut du es hier hast!“
Ich krabbele ungelenk aus dem AutoReifen hervor, umarme meinen Max und flüstere unter KompressorGetöse und Schneefall in sein Ohr: „Ich weiß, wie gut ich es habe – ich weiß, wie glücklich ich bin – ich weiß, ich liebe dich!“
Da war es, dieses JanuarGefühl, das sich vor ein paar Stunden noch gar nicht so richtig einstellen wollte und als die SchneeKanone ihren Dienst versagt, bin ich so abgekühlt, dass ich sogar eine leichte EntenPelle habe, ja es fröstelt mich.
Max setzt sich in den Reifen, zieht mich auf seinen Schoß und lächelt.

Keine Panik auf der Titanic!
- Nicht traurig sein
*tätschel*
Erstmal nen Tee?
Die Smiles2Go sind nicht unsichtbar
Sie sind nur auf ihre eigene Seite gezogen.
Also einfach oben den Reiter Smiles2Go anklicken... und weiter lächeln.
Ich find grad nicht die richtigen Worte – “Ist das schön” ist zu primitiv ausgedrückt. Dies ist genau auch mein Traum – Afrika, Sonne, wilde Tiere. Wenn das so einfach wäre, würde ich sagen: bigi mach Deinen Traum wahr. Wolfgang sorgt für die Storys beim Fernsehen, Du hast Deine Elefanten! Träume muss man haben, Träume sind schön, Träume gehören zum Leben. Und manchmal werden sie wahr.
Ich wünsche Dir noch viele tolle Ideen für solche Geschichten.
Liebe Grüße von Kerstin.
Auf typische Biggi-Art geschrieben (die Wortwahl) und mal was ganz anderes, das Januargefühl in Afrika zu erleben. Eine durch und durch positive Geschichte, die sicher zu einem großen Teil aautobiografisch ist. Ich hab’ sie mit Vergnügen gelesen.
Ich habe gleich bei den ersten Sätzen gesagt: “Nee, das gibts doch nicht!”
Man könnte meinen, wir hätten uns abgesprochen. Haben wir aber nicht.
Deine Hirngespinste sind meinen also garnicht so unähnlich.
Hallo Biggi
Eine soooo schöne Geschichte
Beim lesen ist mir spontan erst “Jenseits von Afrika” und später dann “Schnee am Kilimandscharo” eingefallen.
Ich wünsch dir noch eine schönes Wochenende
Liebe Grüsse
Brigitte
Eine “heiß-kalte” interessante Geschichte. Danke dafür!
Alles Liebe
Eva
Danke, Bigi, für so eine schöne “Schnee-Geschichte”!
Bei dir ist eben alles möglich!!!!
Liebe Grüße in ein schönes Wochenende – Donna
wie aus de(ine)m richtigen Leben Liebes
Hey Bigi – du hast mich doch glatt nach Afrika versetzt. So viele Einzelheiten! Da muss doch einiges autobiografisch sein?!? Spannende Erzählung jedenfalls.
Liebe Grüße
Jorge D.R.
So still hier? Alles klar bei dir?
Mäuschen piep einmal.