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Unfassbar

Vorwort:

Ich bin 51 Jahre alt und seit weit über 30 Jahren nicht nur politisch interessiert und aktiv, sondern auch „Freiwillige“. Nicht nur in meiner schulischen und beruflichen Vita gibt es Stationen sozialen und caritativen Schaffens, sondern auch und besonders in meiner Freizeit, habe ich mich stets mit Menschen für Menschen, vom Kleinkind, über Erwachsene bis hin zu Senioren engagiert, die in irgendeiner Art und Weise Hilfe bedürfen. Ich habe Kleinkinder auf einer Kinderkrebsstation bespaßt, habe aktiv die Tafel unterstützt, mich in ObdachlosenUnterkünften verdingt, bin als Schwesternhelferin, z.B. als „grüne Tante“ in Kliniken und Seniorenheimen  gewesen und habe in multikulturellen Einrichtungen geholfen. In allen Bereichen gab es gute und schlechte Zeiten, erlebte ich viel Herausragendes aber eben auch Kritikwürdiges. Doch das, was HelferInnen / Freiwillige / Ehrenamtliche sich hier im Landkreis Vorpommern-Greifswald mitunter bieten lassen müssen, nur weil sie berechtigte Kritik an Teilen der Verwaltung des Landkreises, bzw. deren Haltung oder Arbeit üben – das ist mir in der Tat noch nicht untergekommen, bestätigt und entsetzt gleichermaßen und stellt spätestens seit 2015 für mich persönlich eine komplett neue Herausforderung dar.

Richtigstellung nicht Rechtfertigung

Am 02. Dezember dieses Jahres war in unseren regionalen Medien (OZ und NK) die Erstellung des  Integrationskonzeptes des Landkreises Thema, nachdem sich die Beteiligten wenige Tage zuvor zur ZwischenKonferenz in Anklam trafen. Diese Berichterstattung entsprach nicht nur meinen Vorstellungen sondern bestätigte auch in Teilen meine Ahnungen. Doch das ist gerade nicht Thema. Mein Thema ist die Passage eines Interviews zur Konferenz und zum Konzept, das der Nordkurier mit dem Sozialdezernenten und 2. Beigeordneten der Landrätin, Dirk Scheer führte.

„Ja, da sind Proteste gesteuert worden. Das ging schon am zweiten Tag los, nach dem wir eine Notunterkunft errichtet haben. In dieser Hoch-Zeit im vergangenen Jahr war die Belastung psychisch und körperlich für alle Beteiligten enorm. Und einige Forderungen, die damals von Ehrenamtlichen kamen, konnte ich dann auch nicht ganz ernst nehmen.“

WTF???

Zunächst einmal bin ich sehr, sehr glücklich darüber, dass sich die Alternative Liste dieses Passus angenommen hat und neben mir auch anderen Betroffenen und HelferInnen die Möglichkeit zur Stellungnahme bot.
Gesteuerte Proteste

Parallel dazu führte ich bis heute unfassbar viele konstruktive Gespräche und diskutierte, ob und wie weiter mit dieser Aussage verfahren werden sollte. So wurde u.a. kritisch angemerkt, dass es keinen Sinn mache, sich immer und immer wieder zu rechtfertigen. Richtig, denn es gibt nichts, wozu ich mich, wozu sich auch nur eine Helferin oder ein Helfer, der damals in der Turnhalle aktiv war und heute noch aktiv ist, rechtfertigen müsste. Im Gegenteil.
Viel mehr sehe nicht nur ich die Notwendigkeit, die damalige Situation  dar- und besonders für den Sozialdezernenten richtig zu stellen. Was nun also folgt, ist eine Richtigstellung der Ereignisse vom 02. November 2015 aus meiner ganz persönlichen Sicht. Dem einzigen Protest, den es in dieser Form gab und für den sich die Freiwilligen vor Ort heute noch diffamieren und anfeinden lassen müssen.

RyckBlick auf den 2. November 2015

Am Mittag des 2. November 2015 wurde ich während der Arbeit von der Freiwilligen Oksana telefonisch über die Unruhen in der Turnhalle informiert und um Hilfe gebeten.

O: Die Jungs haben ihre Betten raus gebracht. Sie wollen streiken. Was sollen wir tun?
B: Wir können nichts tun. Das sind erwachsene Menschen. Klärt sie nochmals* über mögliche Konsequenzen auf. Sie sind frei und genießen hier in Deutschland Demonstrationsrecht.

021115-1

nochmals* – Die Helferschaft hatte in den Wochen zuvor bereits zwei, von den Syrern angedachte Demonstrationen, zu denen im Übrigen auch das Lakentransparent mit der Bitte um würdige Unterkunft in Wohnungen von zwei Syrern, die der deutschen Sprache schon ein wenig mächtig waren, erstellt wurde, in sachlichen Gesprächen abgewendet. Bei einem dieser Aufbegehren ging es um die nicht vorhandene Möglichkeit Wäsche zu waschen. Die Herren verfügten nur über das, was Sie am Leib trugen und ein paar weitere Einzelteilen, die sich allesamt nicht für die derzeit herrschenden empfindlich kalten Temperaturen eigneten. Ferner wurde den Menschen vom INTEG e.V. der Zugang zur vereinseigenen Kleiderkammer (die noch nicht perfekt eingerichtet, aber sehr gut gefüllt war) seinerzeit verweigert, so dass Freiwillige Einkäufe und Spenden organisierten, u.a. beim DRK Gahlkow, der sich sehr großzügig und kooperativ zeigte.

 

O: Auf uns hören sie nicht wirklich – kannst du kommen und dein Glück versuchen?

 

Etwa eine Stunde später war ich vor Ort, wie auch die OZ (wer diese informierte ist bis heute unklar. Den Syrern selbst sollten die Konsequenzen erst in den folgenden Tagen bewusst werden),  Redakteure des Webmoritz, diverse HelferInnen, der Sozialarbeiter und interessierte Menschen.
Da ich den Eindruck hatte, dass sich die Presse noch „umsah“ warnte ich die Geflüchteten davor, mit der OZ zu sprechen, da sie, in Form der anwesenden Personen, nicht auf deren Seite sei. Bereits im Vorfeld hatte sich die OZ durch ihre Flüchtlingsberichterstattungen als wenig objektiv und neutral bewiesen. Doch dieser Ratschlag kam leider zu spät, da bereits ein paar wenige Gespräche geführt wurden. Natürlich verzichtete die OZ u.a. darauf, die Geflüchteten zu fragen, ob und in welcher Form ihr Name abgedruckt werden darf. Ein Hinweis, den sie den Helfern nicht geben brauchte. Eine Reihe von Helfern verweigerten die Angabe ihres Namens und mussten sich von der OZ-Mitarbeiterin mehr als unprofessionell dafür beschimpfen lassen. Selbst der eindeutige Verweis darauf, dass man zum Schutz der eigenen Person, der Geflüchteten UND des Areals Turnhalle keine Namen nennen wollte, überzeugte die OZ nicht. Im Gegenteil – wie sich aus der späteren Berichterstattung erlesen lässt. Diese Berichterstattung war es dann auch, die der WebMoritz zum Thema machte:

Berichterstattung Fatale

halle1Doch was eigentlich genau passierte, sollte auch ich erst nach vielen Fragen in Erfahrung bringen. Laut Aussagen der HelferInnen vor Ort, an denen ich nicht den geringsten Zweifel hege, wurde wie jeden Tag zu Mittag gegessen und anschließend gemeinsam gespielt, sich unterhalten und gelernt, als  zwei der Geflüchteten begannen ihre Betten zusammenzupacken, auf arabisch ein paar Worte mit den anderen Menschen zu wechseln und die Turnhalle in Richtung Sportplatz zu verlassen.

Im weiteren Verlauf baten verschiedenste Syrer immer wieder darum, mit einem Verantwortlichen des Landkreises und / oder der Stadt sprechen zu können. Sie erwogen sogar, mit ihren Betten weiter zum Rathaus zu ziehen und dort zu demonstrieren, um sich Gehör zu verschaffen. Dies wurde dank intensiver Gespräche und der Einflussnahme von HelferInnen und der Integrationsbeauftragten der Stadt (die sich dankenswerter Weise den Gesprächen stellte) verhindert.

021115-2Schnell wurde klar, um was es den Menschen auf dem Sportplatz vor der Turnhalle ging.
Hier ein paar Statements der Geflüchteten seinerzeit, die ich während der Gespräche zwischen ihnen und mir /uns erfasst habe. Die Namen sind vereinheitlicht, da u.U. aus vergangener Berichterstattung Rückschlüsse gezogen werden könnten. Keiner der damals falsch „Zitierten“ dachte, dass sein Name vollständig veröffentlicht würde und war im Nachhinein mehr als verärgert über die Darstellung der OZ. Für 7 der 8 hier zitierten Menschen, war die Unterbringung in der Turnhalle, sowie der spätere Umgang mit ihnen, z.B. im Integrationsbüro, Grund genug, mit ihrer Anerkennung nicht nur die Stadt, sondern den Landkreis und / oder MV zu verlassen. So habe ich auch keine Möglichkeit mehr, sie zu fragen, ob sie vielleicht jetzt mit ihrer Namensnennung heute einverstanden wären.

Ahmat1: Wir werden seit Wochen von einem Camp ins nächste gebracht. Man sagte uns, wir wären nur ein paar Tage hier. Wir sind dankbar, dass ihr uns helft und jeden Tag kommt. Aber so wollen wir das nicht mehr. Wer ist verantwortlich? Wir wollen die Verantwortlichen sprechen.
Ahmat2: Eine Woche haben sie gesagt, dann bekommen wir eigene Zimmer. Wir können nicht schlafen, nicht denken, nicht lernen. Wir werden alle krank.
Ahmat3: Die Zeitungsfrau fragt nach dem Essen. Als wäre Essen das Problem. Wir fühlen uns hier wie Vieh.
Ahmat4: Wir wollen nicht den Freiwilligen Probleme bereiten. Aber wir möchten über unser Problem sprechen. Die Freiwilligen können das Problem nicht lösen.
Ahmat5: Wir bleiben so lange hier, bis jemand mit uns spricht, der etwas zu sagen hat. Auch über Nacht.
Ahmat6: Gib mir ein Zimmer, gib mir eine Wohnung, dann gehe ich sofort weg von hier. Sie haben versprochen es dauert nur vielleicht eine Woche.
Ahmat7: Ich bin krank. Ich brauche Ruhe. Mit so vielen ist das Stress. Das ist nicht gut für mich.
Ahmat8: Ich schlafe hier draußen. Dann werde ich krank und komme in ein Krankenhaus. Besser mit 4 anderen in einem Zimmer als mit 50.

Indes wurde unter den Helfern der Verdacht geäußert, dass sich die OZ telefonisch mit Dirk Scheer über die Berichterstattung besprochen hätte. Dies führte wiederum zu  Aufregung und zu einem Gespräch zwischen der Mitarbeiterin der OZ, sowie der Integrationsbeauftragten, der VoSi, und den anwesenden Herren Kochhan und Aydin.

Derweil wurden in der INTEG Gruppe, u.a. von zwei Personen aus dem Vorstand des Vereins, Statements zu der Situation, der sie sich selbst entzogen, gepostet. Dies bewog einige der Mitglieder und Aktiven des Vereins, diesem den Rücken zu kehren, ihre Tätigkeit für den Verein per sofort einzustellen und die Mitgliedschaft zu beenden.

Es wurde dunkel, richtig kalt und begann zu regnen – doch die Herren harrten draußen aus. Einige Helfer solidarisierten sich und leisteten Gesellschaft, suchten immer wieder das Gespräch, um die Situation zu beenden. Andere versuchten die wenigen in der Halle zu bewegen, auf ihre „Kollegen“ Einfluss zu nehmen. Schließlich war es Herr Aydin, der bei den Geflüchteten als Respektperson gilt, der den Menschen zuhörte, mit ihnen diskutierte und sie mit einem Versprechen dazu bewegte, in die Halle zurückzukehren. Er versprach, sich  persönlich für sie und ein Ende der Turnhallenzeit, zumindest aber ein Gespräch mit der Landkreisverwaltung  oder eine klare Terminansage des Landkreises bis zum Ende der Woche, einzusetzen.

Am Tag darauf besuchte die OZ im Auftrag von Herrn Scheer (so ihre Aussage gegenüber dem Sozialarbeiter und mir) nochmals die Turnhalle und setzte der Berichterstattung des Vortags noch ein Krönchen auf. Da die Syrer über den ersten Artikel nicht sonderlich begeistert waren, verweigerten sie sich natürlich jedem weiteren Gespräch, woraufhin der zweite Artikel anhand der Namen, die vom Vortag bekannt waren zusammengeschrieben wurde.

Soviel zu dem, was der Sozialdezernent Scheer als „gesteuerte Proteste“ bezeichnet. Meine Fragen zu seiner Äußerung über die nicht ernstzunehmenden Forderungen, möchte ich natürlich auch hier wiederholen. Von welchem der Wünsche sprechen Sie? Den Wunsch nach Privatsphäre? Den Wunsch nach einem Ort, an dem sich Menschen zurückziehen können, nachdem sie ewig lang auf der Flucht waren? Den Wunsch nach der Möglichkeit, nach mehreren Wochen in den gleichen Klamotten, einmal vernünftig waschen zu dürfen? Ganz zu schweigen von dem Wunsch, dass man sich seitens der Verwaltung mit den Menschen unterhält und nicht über sie urteilt, sie verurteilt und sie offensichtlich umgeht. Hält Dirk Scheer unter anderem den Wunsch nach persönlicher Kommunikation (er hätte nicht einmal selbst erscheinen müssen, sondern eine Vertretung schicken können) für eine nicht ernstzunehmende Forderung? Konstruktiver Austausch über die Möglichkeiten menschenwürdiger Unterbringung – eine nicht ernstzunehmende Forderung?

Was mich persönlich aber fast noch mehr interessiert  –  Wie geht diese Haltung überein mit der Integration der Menschen in der GU Brandteichstraße, vor allem wenn diese komplett belegt ist und dem gerade entstehenden Integrationskonzept? An beidem möchten sich viele Freiwillige / HelferInnen / Ehrenamtliche beteiligen, ihre Ideen, Visionen, Wünsche und ja, in der Tat auch Forderungen einbringen.

UPDATE 05.12.2016 – Die Alternative Liste veröffentlicht weitere Statements

 

halle

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